Faktencheck eines Faktenchecks: profil folgt rassistischer Kurz’ Erzählung


Das Nachrichtenmagazin profil behauptet in einem „Faktencheck“ mit dem tendenziösen Titel „Virale Balkanroute“ in seiner aktuellen Ausgabe (Nr. 50 vom 6. Dezember 2020), dass „rückkehrende Migranten vom Westbalkan (wie auch Österreichische Touristen) das Infektionsgeschehen im Sommer tatsächlich signifikant mitbestimmt“ hätten. Wir zeigen, dass das profil hier nicht bloß eine sehr gewagte, sondern gemeingefährliche Aussage trifft, die nur dazu dient, die Argumentation des Bundeskanzlers zu stützen. Eine Aussage, die auf Basis derselben rassistischen Zuschreibungen zustande kommt.

von David Albrich

Alles beginnt mit einer Annahme, die in völligem Widerspruch zur später gezogenen Schlussfolgerung steht: Das profil bezieht sich auf Daten der Österreichischen Agentur für Ernährungssicherheit (AGES) für den Zeitraum von Mitte April bis Ende August, also über einen viel längeren Zeitraum, als den Sommer. Dieser erste Hinweis wird noch wichtig werden. Diese Zahlen, die nur die Staatszugehörigkeit wiedergeben, zeigen tatsächlich einen Anstieg im Infektionsgeschehen unter ausländischen Staatsangehörigen und einen Rückgang bei österreichischen Staatsbürger_innen. Dass die Statistik allerdings „nichts über den Ort der Ansteckung“ aussagt, muss sogar das profil zugeben. Es muss außerdem bekennen, dass sich „Somalier und Afghanen (aufgrund prekärer Wohnverhältnisse) wohl in Österreich“ infiziert haben. Auch das ist ein wichtiger Hinweis, auf den wir noch zurückkommen.

Rassistische Zuschreibung

An dieser Stelle tut das profil nun allerdings einen Schritt, der reine Mutmaßung ist und eben einer rassistischen Zuschreibung folgt: „Berücksichtigt man, dass unter den infizierten Österreichischen Staatsbürgern auch viele Menschen mit Migrationshintergrund sind, haben rückkehrende Migranten vom Westbalkan […] das Infektionsgeschehen im Sommer tatsächlich signifikant mitbestimmt.“ Das profil schreibt Menschen mit Migrationsbiografie einfach zu, dass sie, wie der Kanzler das auch tut, eigentlich nicht in Österreich leben, als würde es eben zu ihnen gehören, zu ihren „Wurzeln“ (offenbar in der Türkei und am Balken) zu reisen.

Grundsätzlich könnte man sich fragen, warum ausgerechnet im eigentlich fraglichen Zeitraum im August die Infektionen unter den Reiserückkehrer_innen höher waren. Der Standard schreibt das von Kurz’ kolportierte „Drittel“ an Ansteckungen (über Daten der AGES geografisch dem „Westbalkan“ zuordenbar) den beiden Sommerwochen vom 10. bis 23. August zu. Deutschland ermöglichte ab 1. August Rückehrenden günstige Tests, kurz darauf wurden die Testungen verpflichtend, die Debatte schwappte auf Österreich über. Hierzulande zog die Regierung medienwirksam mit Maßnahmen nach: Am 14. August wurden strengere Grenzkontrollen erlassen, tags darauf die erste Teststraße in Wien eingerichtet, es folgte eine Reisewarnung für Kroatien.

Verzerrte Wahrnehmung

Alle Augen waren auf die Reiserückkehrer_innen gerichtet. Es darf überhaupt nicht verwundern, dass wir unter dieser Gruppe im August höhere Zahlen finden, wenn man gezielt danach sucht (vorsorglicher Hinweis: mit grundsätzlich mehr Testungen hat dies allerdings nichts zu tun). Die Zahl an behördlich erfassten Infektionen hängt nachweislich mit der Teststrategie zusammen. Dafür spricht, wie der Standard recherchierte, dass der „Westbalkan-Anteil“ an Infektionen in der Zeit vor und nach diesen zwei Wochen nur zwischen drei und zwölf Prozent lag. Vielmehr dürfte das Infektionsgeschehen in der gesamten Bevölkerung bereits seit einigen Wochen im Sommer angestiegen sein (wie auch in Deutschland).

Nun engte der Kanzler den Blick auf diese zwei ausgewählten Augustwochen ein. Änderungen bei den Tests können tatsächlich, sagt das Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung, die „öffentliche Wahrnehmung der Pandemielage verzerren“. Die Handlungen der Regierung im Sommer (die sonst nichts zustande bekam, man denke nur etwa an die seit Sommer vergeblichen Appelle des Rotkreuz-Chefs für mehr Contact-Tracer_innen) hatten jedenfalls den günstigen Effekt, dass man nun über rosinengepickte Zahlen Migrant_innen die Schuld an der zweiten Coronawelle geben kann. Wenn man gezielter in Pflegeheimen oder Krankenhäusern getestet hätte (was tatsächlich auch sinnvoll wäre), könnten die Schlagzeilen lauten: Das Virus wurde über unsere Altenheime und Spitäler eingeschleppt! Aber das hätte nicht die von Kurz beabsichtigte Wirkung der rassistischen Spaltung.

Sozioökonomische Faktoren

Interessant wäre – besonders für ein Magazin wie das profil, das sich für seine kritischen Recherchen rühmt – ein tiefergehender Blick darauf, warum Migrant_innen im längeren Zeitraum in der Tat häufiger von Corona-Infektionen betroffen sind, wo doch ein Virus nicht nach Herkunft und Religion entscheidet.

Dass ausländische Staatsangehörige in „systemrelevanten Berufen“ überrepräsentiert sind, weniger oft die Möglichkeit für Home Office haben und daher einem höheren Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind, zieht das profil überhaupt nicht in Erwägung. Genau hier kommt der erste Hinweis ins Spiel: Ab Mitte April setzte die schrittweise Öffnung nach dem ersten Lockdown ein. Inländer_innen konnten häufiger weiter von zuhause aus arbeiten, während Menschen mit Migrationsbiografie meist wieder physisch an ihre Arbeitsplätze mussten. Und auch der zweite Hinweis mit den prekären Wohnverhältnissen ist wichtig: Menschen mit Migrationsbiografie kommen oft aus sozial (schwächeren) Schichten, in denen die empfohlenen Hygienemaßnahmen, wie Abstandhalten, schwerer einzuhalten sind. Zudem starten sie statistisch gesehen bereits von einem schlechteren Gesundheitszustand aus.

Genau auf diese sozioökonomischen Zusammenhänge geht Judith Kohlenberger in unserem ausführlichen Interview mit Judith Ranftler ein. Das profil hingegen macht Menschen mit Migrationshintergrund zu Treiber_innen der Pandemie und folgt dem rassistischen Narrativ des Bundeskanzlers. Das ist schäbig.


David Albrich ist Koordinator der Plattform für eine menschliche Asylpolitik und war Anmelder der Demonstration „Flüchtlinge willkommen“ am 3. Oktober 2015 mit 70.000 Teilnehmenden. Er ist politischer Aktivist bei Linkswende jetzt und Autor, darunter von das „Braunbuch FPÖ“ und „Faschismus in der Regierung“. David arbeitet in der Volkshilfe Österreich.